Als Emil im Himmelrich wohnte

Als Emil im Himmelrich wohnte

Emil Steinberger, der wohl grösste aller Schweizer Kabarettisten, wuchs im Himmelrich auf – genauer, an der Tödistrasse, die 2016 abgerissen und durch unseren neuen Innenhof ersetzt wurde. Hi3-Bewohnerin Carla Luchessa, damals Nachbarin von Steinbergers, erinnert sich genau.

Wohnte an der Tödistrasse und liess sich von den Nachbarn für erste Nummern inspirieren: Kabarettist Emil Steinberger (Bild: CD-Cover von Ex Libris)

Auch jüngere Leute kennen Emil Steinberger: Vielleicht als lächelnden, älteren Herrn, der vergangenes Jahr noch mit 86 eine Tournee machte. Oder als Hauptdarsteller in der Komödie „Die Schweizermacher“, der einem rekordgrossen Schweizer Publikum 1978 die Miefigkeit der Schweizer Einbürgerunspolitik vor Augen führte und seine Aktualität nicht wirklich verloren hat. Älteren Semestern braucht man nicht in Erinnerung zu rufen, wer Emil ist: Seine Nummern aus den späten sechziger und siebziger Jahren sind Legende. Bei uns zum Beispiel lief am Sonntagnachmittag nach dem Essen bei den Grosseltern öfter eine Schallplatte mit Emil-Nummern, Gelächter garantiert, auch nach dem dreizehnten oder vierzehnten Mal. Man kann Emil auch auf YouTube sehen. Zum Beispiel hier:

Ich habe mich auch diesmal wieder köstlich amüsiert, als ich die Nummer mit dem wenig einsatzfreudigen Polizeibeamten auf Nachtdienst sah. Die meisten YouTube-Videos sind Hochdeutsch und lassen beinahe vergessen, dass Emil seine Karriere in breitestem Luzerndeutsch begonnen hat. Begonnen hat alles an der Tödistrasse im alten Himmelrich, wo Emil aufwuchs. An derselben Strasse wohnte damals auch Carla Luchessa (77). Nach Jahren im Tessin ist die ehemalige Sekundarlehrerin wieder ins Himmelrich gezogen und wohnt heute an der Bundesstrasse 16. Sie sagt: „Vieles von dem, was Emil so unnachahmlich verspottet, hat er zuerst hier im Quartier gesehen. Er hat genau beobachtet, wie die Leute hier mit einander umgehen.“ Als Beispiel nennt sie den Sketch mit dem von der Technik seines Babywagens heillos überforderten jungen Vaters (der letzte im YouTube-Video oben). „So, wie Emil hier mit seinem Baby und mit seinen Nachbarn spricht, hat man damals gesprochen. Das war der Umgangston hier im Quartier.“

Carla hat Emil selber kaum gekannt. „Weil ich so viel jünger war, war er für mich immer einer der grossen Buben, und mit denen hatte ich wenig zu tun.“ Aber sie weiss, dass er hier im Quartier seine ersten Schritte als Kabarettist gemacht hat. „Er hat damals im Paulusheim ‚s’Chalb gmacht‘ und ‚theäterlet‘“, sagt Carla. Doch erst später, als sie ihn im Kleintheater sah, wurde ihr bewusst, wie sehr er Inspiration aus dem Quartierleben geschöpft hatte. „Da gibt es diesen Sketch, wo einer am Fenster steht, und sein Staubtuch ausschüttelt“, erinnerte sie sich und macht es vor: Der Mann hielt das Tüchlein an zwei Ecken, schüttelte es mit einer pedantischen Geste, drehte es dann um neunzig Grad, schüttelte es wieder und drehte und schüttelte es wieder, bis er es auf alle vier Seiten ausgeschüttelt hatte – leider ist die Szene auf YouTube unauffindbar. „Ich wusste genau, wen er da nachmachte. Das war ein älterer Herr aus der Tödistrasse, ein Witwer.“ Seinen Namen weiss sie nicht mehr – aber wie er sein Staubtuch ausschüttelte sehr wohl.

Während die Erwachsenen im Himmelrichquartier damals einen sehr distanzierten Umgang mit einander hatten, war der Zusammenhalt der Jungen stark. „Emil hatte auch einen Freund im Quartier, mit dem er Ministrant war und Theater spielte – der leistete bei seiner Karriere Starthilfe“, erinnert sich Carla: Armin Beeler, aufgewachsen an der Claridenstrasse, lieferte Ideen und Texte für Steinbergers erste drei Soloprogramme 1964 bis 1967. Beeler wurde Lehrer und später letzter Rektor des Lehrerseminars an der Museggstrasse – auch ihn hat Carla von fern gekannt. Und sie kennt ein paar Anekdoten über Emil und seine Familie, von denen sie nicht ganz sicher ist, ob sie wahr sind oder ins Reich der Legenden gehören. Wer Carla persönlich kennenlernt, soll nachfragen. Es sind lustige Geschichten, die auch viel über das Lebensgefühl von damals sagen.

Dass Emil auch publikumswirksam das Büchlein „Der Waschküchenschlüssel“ von Hugo Lötscher zum Hörbuch machte, kommt sicher nicht von ungefähr: „Waschtage waren damals im Quartier eine Riesensache – sie fanden nur alle sechs Wochen statt“, erinnert sich Carla und erzählt eine grossartige Geschichte darüber, wie in fünfziger Jahren nach endlosen Diskussionen doch noch Waschmaschinen in die Häuser des Himmelrichs kamen – und welche epischen Diskussionen sich in der Folge um die Waschtage ergaben.

„Ich möchte, dass Du solche Geschichten erzählst“, sagt sie dann zu mir. „Ich möchte, dass die Leute wissen, wie es damals im Himmelrich war.“ Ja, das mache ich gerne – aber getreu der Regel, dass ein Blogbeitrag nicht viel länger als ein Sketch von Emil sein sollte, vertröste ich Carla und alle anderen Leser*Innen. Auf ein andermal. Auf bald.

19. Januar 2020
Daniela Bühler